Dieser Text dient nur zur Orientierung! Es handelt sich nicht um eine Diagnose!

Wirbelsäule Kyphose Rheuma Morbus Scheuermann

Was versteht man unter dem Morbus Bechterew?

Bei Morbus Bechterew handelt sich um eine chronische Erkrankung, die in den Formenkreis der entzündlich-rheumatischen Krankheiten zählt. Sie beginnt mit einer Entzündung der Wirbelgelenke (lat. Spondylitits), die im Verlauf zu einer knöchernen Versteifung (lat. Ankylosans) führt.

Diese Krankheit betrifft meist die Wirbelsäule (v.a. Brustwirbelsäule), kann aber auch Gelenke, v.a. die Kreuz-Darmbeingelenke (Iliosakralgelenke) betreffen. Außerdem kann es auch zu Entzündungen der Regenbogenhaut des Auges und selten auch anderer Organe kommen. Bei Auftreten einer Regenbogenhautentzündung, an die immer bei Rötung, Schmerzen des Auges und Sehstörungen gedacht werden muss, sollte sofort der Augenarzt aufgesucht werden, da nur sofortige Therapie eine bleibende Sehbeeinträchtigung verhindern kann.

Die im deutschen Sprachraum übliche Bezeichnung „Morbus Bechterew“ ist zurückzuführen auf den russischen Neurologen Wladimir Bechterew (1857-1927).

Was ist die Ursache für den Morbus Bechterew? *

Die Ursache ist nicht vollständig bekannt. Man vermutet eine Autoimmunreaktion, d.h. gegen den eigenen Körper, bei der Entzündungen den Knorpel, vor allem der Wirbelgelenke aber auch Kreuz-Darmbeingelenke zerstören. Es kommt zu einer Verknöcherung, wodurch das Gelenk versteift.

Das gehäufte Vorkommen dieser Erkrankung in einzelnen Familien sowie der überproportional häufige Nachweis des HLA-B27 Faktors deuten darauf hin, dass zwar nicht die Erkrankung selbst, jedoch die Disposition (Veranlagung) hierzu als Erbmerkmal genetisch bedingt, also angeboren, ist. Das HLA-B27-Merkmal ist bei ca. 96% aller Morbus-Bechterew-Patienten nachweisbar. In der nicht Morbus Bechterew erkrankten Gesamtbevölkerung jedoch nur bei 8%. Ähnlich wie eine Blutgruppe ist das Vorkommen oder Fehlen des HLA-B27 bereits von Geburt an festgelegt und ändert sich zeitlebens nicht mehr.

Was neben der genetischen Veranlagung im Einzelfall das Immunsystem zu der geschilderten Fehlreaktion veranlasst, ist nicht bekannt. Nach viralen oder bakteriellen Infektionen können ähnliche Krankheitsbilder auftreten. Da sie meist jedoch zeitlich begrenzt sind, vermutet man, dass auch beim Morbus Bechterew eventuell Infektionen eine bahnende Rolle spielen können.

Ebenfalls diskutiert werden als möglicher Auslöser der Erkrankung bei vorgegebener Veranlagung extreme Kälte- und Nässeeinwirkungen und anderweitige extreme körperliche oder seelische Belastungen. Ein spezieller infektiöser Krankheitserreger konnte jedoch bisher nicht ermittelt werden. Was man allerdings festgestellt hat ist die Tatsache, dass Morbus Bechterew nicht ansteckend ist.

Welche Beschwerden haben die Erkrankten?

Die Erkrankung wird meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr diagnostiziert. Die ersten Symptome äußern sich in stumpfem Schmerz in der Lenden- und Gesäßregion, meist mit morgendlicher Steifheit gepaart. Im Verlauf klagen die Patienten mit einer Spondylitis ankylosans über eine zunehmende Bewegungseinschränkung und Deformation der Wirbelsäule. Außerdem kommt es zu schmerzhaften Entzündungen der Sehnenansätze, besonders der Achillessehne, des Sehnenstranges an der Fußsohle und an anderen Sehnenansätzen an Becken und Oberschenkel.

In der Wirbelsäule kommt es zur Bildung von Knochenspangen, die benachbarte Wirbel überbrücken. Dies führt speziell in der Brustwirbelsäule zur Bildung der so genannten Bambuswirbel, da sie mit der Überknöcherung der Bandscheiben einer Bambusstange ähneln. Typisch ist häufig nach langem Krankheitsverlauf eine nach vorn übergebeugte Körperhaltung mit gekrümmter Wirbelsäule, unter Umständen auch mit einem Buckel.

In schwerwiegendsten Fällen kann es auch durch den porösen Knochen zu Knochenbrüchen im Bereich des Beckens und der Wirbelsäule führen.
Diese Symptome sind mit starken Schmerzen verbunden.

Wie erkennt man Morbus Bechterew?

Der Zeitraum bis zur Diagnose beträgt im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre, in einigen Fällen jedoch bis zu 15 Jahre. Morbus Bechterew tritt etwa bei 1% der mitteleuropäischen Bevölkerung auf, wobei, entgegen früherer Ansicht, Frauen und Männer wohl gleich häufig erkranken. Da die Erkrankung bei Frauen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, leichter verläuft, wird sie bei diesen – leider auch heute noch – seltener erkannt.

Die ersten Zeichen einer Spondylitis ankylosans zeigt sich im Röntgenbild des Kreuz-Darmbeingelenkes. Dabei zeigt sich eine vermehrte Verdichtung des Gelenkes durch degenerative Veränderungen.
Weiterhin können in der Blutabnahme erhöhte Entzündungswerte, aber vor allem der Wert HLA-B27 Hinweis darauf geben, dass eine Erkrankung vorliegt.

In der klinischen Untersuchung geben Messungen der eingeschränkten Beweglichkeit der Wirbelsäule Hinweise auf die Erkrankung.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?

Das wichtigste Ziel der Therapie ist es, die Beweglichkeit des Körpers ausreichend zu erhalten. Aus diesem Grund ist eine regelmäßige Bewegung mit Krankengymnastik, Dehnungsübungen und Kräftigung der Muskulatur an Geräten empfehlenswert.

Unterstützend können physikalische Maßnahmen, wie Wärmebehandlung (z. B. Moor- oder Fangobäder) und Massagen, eingesetzt werden, welche die Durchblutung des Gewebes fördern sowie schmerzbedingten Muskelverspannungen entgegenwirken. Vereinzelt wird auch die Kältebehandlung mit gutem Effekt eingesetzt. Diese passiven Behandlungsmaßnahmen können jedoch die Krankengymnastik keinesfalls ersetzen.

Für die medikamentöse Therapie kommen in erster Linie kortisonfreie Antirheumatika in Frage, die schmerzlindernd bzw. -beseitigend und auch direkt entzündungshemmend wirken, wodurch sie sich von reinen Schmerzmittel (sog. Analgetika) unterscheiden. Da die Antirheumatika helfen, schmerzbedingte Schonhaltungen zu verhindern, ist dadurch oft eine intensivierte krankengymnastische und sportliche Therapie erst möglich und tragen im Wesentlichen zu einem günstigen Verlauf der Erkrankung bei. Darüber hinaus ist oft nur durch Antirheumatika-Einnahme ein ungestörtes Durchschlafen möglich, was sich positiv auf den Allgemeinzustand und die allgemeine Leistungsfähigkeit auswirkt.

Die heute verfügbaren Antirheumatika sind in der Regel gut verträglich, Probleme bestehen am ehesten bezüglich des Magens und Zwölffingerdarms. Durch gleichzeitige Gabe von hochwirksamen magenschützenden Medikamenten gibt es jedoch kaum Probleme. Bei Patienten mit derartigen Nebenwirkungen, werden so genannte COX-2-Präparate angewandt. Für Fälle mit hochaktivem Krankheitsverlauf eröffnen sich durch die Gabe von so genannten Biologika (TNF-Alpha-Antagonisten u. a.) gute Therapiemöglichkeiten. Diese Medikamente werden seit über 10 Jahren erfolgreich eingesetzt. Eine Verabreichung von kortisonhaltigen Medikamenten wird bei Morbus Bechterew nur in Ausnahmesituationen, z. B. bei schweren Schubsituationen oder Gelenkbeteiligung (hier evtl. als Injektion in das entzündete Gelenk) und bei der Regenbogenhautentzündung angewendet. Gut verträgliche reine Schmerzmittel oder muskelentspannende Präparate können evtl. zusätzlich eingenommen werden.

Zur Hemmung der Entzündungsprozesse gibt es auch neuartigere Medikamente, die aber noch keine langfristigen Ergebnisse vorweisen können und sehr teuer sind.

Operative Maßnahmen, werden bei konsequenter Durchführung der geschilderten Therapiemaßnahmen nur extrem selten erforderlich.

Alle medikamentösen, krankengymnastischen und physikalischen Therapiemaßnahmen sollten auf jeden Fall mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.

Wie ist die Prognose bei Morbus Bechterew? *

Der Krankheitsverlauf ist häufig schubweise und variiert zwischen den verschiedenen Patienten. Bei Frauen verläuft die Spondylitis ankylosans häufig milder ab und daher tritt eine Versteifung der Wirbelsäule hier seltener auf.
Gelegentlich ist die Bechterew’sche Erkrankung kombiniert mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (z.B. Morbus Crohn)

Der Einfluss der Spondylitis ankylosans auf die Lebenserwartung ist umstritten. Todesfälle im direkten Zusammenhang mit der Spondylitis ankylosans sind selten.


* Dieser Text dient nur zur Orientierung! Es handelt sich nicht um eine Diagnose!