Dieser Text dient nur zur Orientierung! Es handelt sich nicht um eine Diagnose!

Wirbelsäule Arthrose

Was versteht man unter einem Gleitwirbel?

Gleitwirbel ist die Bezeichnung für eine Instabilität der Wirbelsäule, bei welcher der obere Anteil der Wirbelsäule zusammen mit dem Gleitwirbel über den darunter liegenden Wirbelkörper nach vorne (ventral) gleitet (Ventrolisthesis oder Anterolisthesis). Im umgekehrten Fall spricht man von einer Retrolisthesis. Der Gleitwirbel tritt fast ausschließlich im Bereich der Lendenwirbelsäule auf und dort meist zwischen dem 4. und dem 5. Lendenwirbelkörper sowie 5. Lendenwirbelkörper und dem Kreuzbein.

Wie kommt es zu einem Gleitwirbel?

Ursächlich für den Gleitwirbel ist eine knöcherne Unterbrechung des Wirbelbogens (Interartikularportion), die zu einer Instabilität führt. Man unterscheidet generell zwischen nachfolgenden Formen:

Angeborene Formen (durch Fehlentwicklung oder Erbgut) (eher selten)

  • Dysplastische (fehlgebildete) Form:
    Hierbei liegt eine Gefügestörung des Übergangs zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein vor, welche zum Abgleiten des Wirbelkörpers führt.

    • Subtyp: Die dysplastischen, horizontal ausgerichteten Gelenkfortsätze können das Abgleiten nicht verhindern.
    • Subtyp: Die sagittal („von vorne nach hinten“) ausgerichteten Wirbelgelenke ermöglichen das Abgleiten nach vorne.
  • Isthmische Form:
    Die Interartikularportion (zwischen den Gelenken) des Wirbelbogens ist nur verknorpelt − nicht verknöchert – und somit eine Schwachstelle. Eine Fraktur (Lysespalt) dieser ermöglicht das Abgleiten des Wirbelkörpers.

    • Subtyp: Wiederholt einwirkende Flexions-Extensionsbewegungen („Beuge-Streck-Bewegungen“) können den Lysespalt und somit das Abgleiten verursachen.
    • Subtyp: Eine ein- oder mehrmals verheilte, durch äußere Stoß- oder Belastungseinwirkung verursachte Fraktur mit anschließender Verlängerung der Interartikularportion macht ein Abgleiten möglich.

Erworbene Formen (häufiger)

  • Degenerative Form: Verschleißbedingte Veränderungen von Zwischenwirbelraum und/oder Wirbelgelenk lassen den Wirbelkörper abgleiten.
  • Traumatische Form: Eine verletzungsbedingte Fraktur außerhalb der Interartikularportion des Wirbelbogens führt zum Ventralgleiten des Wirbelkörpers.
  • Pathologische Form: Eine Knochenerkrankung führt zu verminderter Knochenfestigkeit in der Interartikularportion des Wirbelbogens und mit anschließender Fraktur somit zum Abgleiten des Wirbelkörpers.
  • Postoperative Form: Infolge einer Wirbelsäulenoperation können diverse Veränderungen im operierten Segment den Wirbelkörper abgleiten lassen.

Bei älteren Patienten kann sich aufgrund von Verschleißerscheinungen der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke) und Zwischenwirbelraum ein Abgleiten ohne Instabilität entwickeln. Aus diesem Grund spricht man von einer Pseudospondylolisthese.

Habe ich bei einer Spondylolisthese immer Beschwerden? *

Häufig ist der Gleitwirbel ein Zufallsbefund, der mit keinen oder sehr geringen Beschwerden verbunden ist.

Zum einen können Schmerzen in Rücken und Beinen dauerhaft oder nur bei bestimmten Bewegungen oder Körperhaltungen auftreten. Dabei klagt der Patient durch den instabileren unteren Wirbelbereich meist über eine Instabilität mit Blockierungen der kleinen Wirbelgelenke oder Kreuz-Darmbein-Gelenke (Iliosacral-Gelenke).

Zum anderen kann ein Gleitwirbel durch Überdehnung des Rückenmarkes und der abgehenden Nerven Kribbeln und Taubheitsgefühle, im schlimmsten Fall sogar Lähmungserscheinungen verursachen und die Funktion von Blase und Mastdarm beeinträchtigen.

Dauerhaft kann die Instabilität des Gleitwirbels zu einer vermehrten Abnutzung der darunter liegenden Bandscheibe führen. Der Verschleiß der Bandscheibe sowie des Wirbelgelenks (Spondylarthrose) im entsprechenden Segment kann teils starke Schmerzen verursachen. Zusätzlich können dadurch auch Bandscheibenvorfälle entstehen, die starke Rückenschmerzen zur Folge haben.

Wie stellt man den Gleitwirbel fest? *

Bereits bei der körperlichen Untersuchung kann sich schon ein Verdacht auf einen Gleitwirbel zeigen. Die Patienten fallen häufig durch ein stark vermehrtes Hohlkreuz auf. Oft sieht man bei stark verschobenen Wirbeln eine Stufenbildung unter der Haut.

Üblicherweise handelt es sich um einen Zufallsbefund im Röntgenbild. Bei Rückenschmerzen mit ausstrahlenden Beschwerden in die Beine kann ein Röntgenbild in zwei Ebenen der Lendenwirbelsäule angefertigt werden.

Position und Haltung des Betroffenen haben bei der Diagnosestellung einen Einfluss. Ein Wirbelgleiten kann unter Umständen nur bei bestimmten Bewegungen auftreten, daher ist es bei Verdacht sinnvoll, dass Funktionsaufnahmen durchgeführt werden. Dabei handelt es sich um zwei zusätzliche Röntgenbilder im Stehen in Vorbeugung und in Rückneigung.

Mit der CT oder MRT kann die Anatomie detailliert dargestellt werden, jedoch kann der Schweregrad unterschätzt werden. Das MRT ist besonders gut für die Beurteilung der Bandscheiben und der Nerven geeignet. Das CT ist bei fraglichen Fällen besonders gut geeignet, den knöchernen Defekt (Spondylolyse) zu beweisen oder auszuschließen.

Hierbei kann man den Versatz des Gleitwirbels in Vierteln der Wirbelkörpertiefe in fünf Schweregrade einteilen. In der MRT lassen sich zusätzlich Begleiterkrankungen der Bandscheibe beurteilen.

Schweregrad

Im Rahmen der Diagnostik wird anhand der seitlichen Aufnahmen eine Klassifikation der Spondylolisthese nach Meyerding vorgenommen.
Der Grad der Verschiebung wird nach Meyerding in 5 Grade eingeteilt. Das Sakralplateau wird dabei von dorsal nach ventral in vier Segmente geteilt. Dabei wird die Einteilung je nach Position der Hinterkante des abgeglittenen Wirbels auf dem darunterliegenden Wirbel vorgenommen. Projiziert sich die Hinterkante des abgeglittenen Wirbels auf das zweite Viertel des darunterliegenden Wirbelkörpers, spricht man von einer Spondylolisthese Grad II.

GradWirbelkörperversatz
MD I°weniger als 25 %
MD II°25–50 %
MD III°50–75 %
MD IV°mehr als 75 %

Haben die Wirbel den Kontakt zueinander verloren und gleitet der obere frei nach vorne-unten, spricht man von einer Spondyloptose (MD V°).

Wie kann man Gleitwirbel behandeln? *

Die Behandlung eines Gleitwirbels hängt von Faktoren wie Alter, Symptomen, Schweregrad und individuellem Leidensdruck ab. Primäres Ziel sollte eine Stabilisierung der Rumpfmuskulatur und eine Korrektur des vermehrten Hohlkreuzes sein. Dies kann anfänglich und in akuten Fällen durch Krankengymnastik (an Geräten), später durch eigenständige sportliche Kräftigung erzielt werden.

Sollte die konservative Therapie nicht ausreichend sein bzw. der Schweregrad und die Beschwerdesymptomatik zu hoch, muss über einen operativen Eingriff nachgedacht werden. Dabei wird meist eine Stabilisierung des Gleitwirbels mittels Versteifung der benachbarten Wirbel durchgeführt.

Es gibt derzeit keine gültige Leitlinie für die Behandlung der Spondylolisthese. Es wird nach Studienlage oder persönlicher Erfahrung des behandelnden Arztes vorgegangen.
Wesentlich für die Therapieentscheidung ist die Feststellung, ob es sich um eine echte Spondylolisthese mit Spondylolyse (Spaltbildung) oder um eine Pseudospondylolisthese z.B. mit begleitender Spinalkanalstenose (Spinalkanalverengung) handelt.

Nicht operative Therapie

Wegen der unklaren Studienlage sollte zunächst nicht operativ vorgegangen werden.

Neben Schmerzmitteln kann auch eine Schmerzbehandlung mittels Infiltrationstherapie oder PRT (periradikuläre Schmerztherapie) erfolgen. Auch medizinische Massagen können schmerzlindernd wirken.
In einigen Fällen ist eine Rumpforthese geeignet, die Beschwerden zu lindern. Eine Stabilisation der Muskulatur durch Physiotherapie kann hilfreich sein.

Operative Behandlung

Eine Operation kann durchgeführt werden, wenn

  • die Schmerzen konservativ nicht beherrscht werden können,
  • das Wirbelgleiten in kurzer Zeit stark zunimmt,
  • muskuläre Ausfälle auftreten
  • ein Harnverhalt bzw. eine Stuhlinkontinenz auftritt.

Der Chirurg versucht bei der Operation z.B. den Wirbelkörper an die ursprüngliche Position zurückführen und anschließend zu verblocken (Spondylodese). Dieser größere Eingriff wird üblicherweise über einen vorderseitigen (ventralen) oder einen rückwärtigen (dorsalen) Wirbelsäulen-Zugang und in einer oder in zwei Sitzungen durchgeführt. Ob eine Operation wirklich erforderlich ist und welches Verfahren angewendet wird, hängt jedoch von der Symptomatik ab und wird vom behandelnden Arzt festgelegt.

Es besteht neben den grundsätzlichen OP-Risiken zusätzlich das Risiko einer Nervenverletzung durch die eingebrachten Schrauben, sowie das Risiko einer postoperativen Narbenbildung, die unter Umständen stärkere Schmerzen verursachen können als die Grunderkrankung. Diese Komplikationen werden zusammengefasst als Failed back surgery-Syndrome.

Zusätzlich muss man auch beachten, dass bei einem solchen Eingriff immer die Gefahr besteht, querschnittsgelähmt zu werden.


* Dieser Text dient nur zur Orientierung! Es handelt sich nicht um eine Diagnose!